Antidepressiva: Wirkstoffgruppen und Behandlung
Antidepressiva wie SSRI, SNRI, Mirtazapin und trizyklische Wirkstoffe sind in Österreich rezeptpflichtig; rezeptfrei sind laut Arzneispezialitätenregister nur einzelne pflanzliche Präparate mit Johanniskraut. Diese Seite erklärt, welche Wirkstoffgruppen üblich sind, warum die Wirkung erst nach Wochen einsetzt, welche Nebenwirkungen zu Beginn typisch sind, warum abruptes Absetzen Beschwerden macht und warum wir Antidepressiva derzeit nicht online beurteilen.
Welche Antidepressiva werden in Österreich verordnet?
Am häufigsten verordnet werden selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI, mit Wirkstoffen wie Sertralin, Escitalopram, Citalopram, Fluoxetin und Paroxetin. Daneben stehen die SNRI mit Venlafaxin und Duloxetin, die zusätzlich auf den Noradrenalin-Haushalt wirken, sowie Mirtazapin, das stärker sedierend wirkt und deshalb bei Depression mit ausgeprägter Schlafstörung eingesetzt wird. Trizyklische Antidepressiva werden wegen ihres Nebenwirkungsprofils seltener und meist in besonderen Konstellationen verwendet. Alle diese Arzneimittel sind rezeptpflichtig und werden in der Apotheke nur gegen ärztliche Verordnung abgegeben, keines davon ist ein Suchtgift. Die Auswahl richtet sich nach dem Beschwerdebild, nach Begleiterkrankungen, nach der übrigen Medikation und nach dem, was bei früheren Behandlungsversuchen vertragen wurde und gewirkt hat. Antidepressiva sind ein Baustein und nicht die gesamte Behandlung: Psychotherapie, Tagesstruktur, Schlaf und Bewegung haben in Leitlinien einen festen Platz, und bei mittelgradigen bis schweren Verläufen ist die Kombination der übliche Weg.
Wie lange dauert es, bis ein Antidepressivum wirkt?
Die stimmungsaufhellende Wirkung setzt in der Regel nach zwei bis sechs Wochen ein, teils auch später. Das ist der Punkt, an dem die meisten Behandlungen scheitern, denn Nebenwirkungen zeigen sich schon in den ersten Tagen, während der erwünschte Effekt auf sich warten lässt. Wer die Einnahme nach einer Woche enttäuscht beendet, hat die Wirkung nie erlebt. Manche Teileffekte kommen früher: Mirtazapin verbessert den Schlaf oft rasch, und unter SSRI berichten Behandelte häufig zuerst über mehr Antrieb, bevor sich die Stimmung bessert. Genau diese Reihenfolge ist ein Grund für besondere Vorsicht in den ersten Wochen. Bewertet wird eine Behandlung üblicherweise erst nach mehreren Wochen in ausreichender Dosis; erst dann ist die Entscheidung über Dosisanpassung oder Wechsel sinnvoll. Ein Präparatewechsel nach wenigen Tagen bringt keine Erkenntnis. Führen Sie in dieser Zeit kurze Notizen zu Schlaf, Antrieb und Stimmung, das erleichtert die Beurteilung erheblich.
Welche Nebenwirkungen sind typisch?
Zu Beginn stehen Beschwerden im Vordergrund, die meist nachlassen: Übelkeit, Appetitveränderung, Kopfschmerzen, innere Unruhe, Schlafstörungen und vermehrtes Schwitzen. Sexuelle Funktionsstörungen sind unter SSRI und SNRI häufig, werden selten von selbst angesprochen und sind ein häufiger Grund für heimliches Absetzen; sie gehören deshalb offen besprochen, weil es Alternativen gibt. Mirtazapin macht müde und steigert bei einem Teil der Behandelten Appetit und Gewicht. Venlafaxin kann in höherer Dosis den Blutdruck anheben, weshalb Kontrollen sinnvoll sind. Selten, aber ernst ist das Serotonin-Syndrom mit Unruhe, Fieber, Muskelzuckungen und Verwirrtheit, vor allem bei Kombination mehrerer serotonerg wirkender Substanzen; dann ist ärztliche Hilfe zu suchen. Ebenfalls zu beachten sind ein niedriger Natriumwert vor allem bei älteren Menschen sowie ein erhöhtes Blutungsrisiko, wenn gleichzeitig entzündungshemmende Schmerzmittel oder Blutverdünner eingenommen werden. Anhaltende Nebenwirkungen sind kein Grund zum stillen Aufgeben, sondern ein Anlass zur Anpassung.
Warnhinweis: Unruhe und suizidale Gedanken zu Behandlungsbeginn
In den ersten Behandlungswochen und nach jeder Dosisänderung können Unruhe, Angst und suizidale Gedanken vorübergehend zunehmen. Am deutlichsten ist dieses Signal bei jungen Menschen vor dem 25. Lebensjahr, weshalb die Fachinformationen dieser Wirkstoffgruppe eine engmaschige Beobachtung in dieser Phase vorsehen. Der Hintergrund ist gut beschrieben: Antrieb und Handlungsfähigkeit bessern sich oft, bevor die gedrückte Stimmung nachlässt. Praktisch heißt das, dass Angehörige oder eine Vertrauensperson in dieser Zeit eingeweiht sein sollten und dass ein kurzfristiger ärztlicher Kontakt vereinbart wird, statt erst in mehreren Wochen. Wenn Gedanken auftreten, sich das Leben zu nehmen, warten Sie nicht auf den nächsten Termin. In Österreich erreichen Sie rund um die Uhr die Telefonseelsorge unter 142, Kinder und Jugendliche Rat auf Draht unter 147, die Gesundheitsberatung unter 1450 und in akuter Gefahr die Rettung unter 144 oder den Euronotruf unter 112. Die Telefonseelsorge und Rat auf Draht sind kostenlos und vertraulich.
Warum Antidepressiva nicht abrupt abgesetzt werden
Wird ein Antidepressivum plötzlich weggelassen, treten häufig Absetzsymptome auf: Schwindel, grippeähnliches Gefühl, Reizbarkeit, Schlafstörungen, lebhafte Träume und Missempfindungen, die viele als kurze elektrische Schläge beschreiben. Besonders ausgeprägt ist das bei Wirkstoffen mit kurzer Halbwertszeit wie Paroxetin und Venlafaxin, während Fluoxetin wegen seiner langen Halbwertszeit milder ausklingt. Diese Beschwerden werden regelmäßig für einen Rückfall gehalten, was zu unnötiger Verunsicherung führt. Deshalb wird die Dosis am Ende einer Behandlung schrittweise über Wochen reduziert, bei langer Vorbehandlung auch über Monate und in kleinen Schritten. Auch das Vergessen einzelner Dosen kann solche Beschwerden auslösen, weshalb eine feste Tageszeit und eine Dosette hilfreich sind. Ein Absetzen ist zudem eine gemeinsame Entscheidung mit der behandelnden Person und wird nicht in eine Phase großer Belastung gelegt. Wer die Therapie beenden möchte, bespricht das offen, statt eigenständig zu reduzieren; mehr dazu im Beitrag Antidepressiva absetzen.
Machen Antidepressiva abhängig?
Nein. Antidepressiva erzeugen kein Verlangen nach Dosissteigerung, keinen Rausch und keine Suchtentwicklung im medizinischen Sinn; sie gehören nicht zu den Suchtgiften. Absetzsymptome sind etwas anderes als Abhängigkeit: Der Körper hat sich an einen veränderten Botenstoffhaushalt angepasst und braucht Zeit für die Rückstellung. Diese Verwechslung ist der häufigste Grund, aus dem eine wirksame Behandlung gar nicht erst begonnen wird. Anders liegt der Fall bei Benzodiazepinen und den sogenannten Z-Substanzen, die bei Angst und Schlafstörung mitunter verordnet werden: Laut ihren Fachinformationen können sie zu körperlicher und psychischer Abhängigkeit führen, das Risiko steigt mit der Dosis und der Dauer der Behandlung, und nach wiederholter Anwendung über mehrere Wochen kann die schlaffördernde Wirkung nachlassen. Deshalb gehören sie in eine enge ärztliche Betreuung vor Ort. Rechtlich fallen laut Arzneispezialitätenregister die meisten Benzodiazepine und Zolpidem unter die Psychotropenverordnung, Zopiclon dagegen nicht; unter die Suchtgiftverordnung fällt keiner dieser Wirkstoffe. Wir stellen für diese Gruppen keine Verordnung aus, auch nicht als Fortsetzung, und ebenso wenig für Gabapentinoide wie Pregabalin und Gabapentin oder für Stimulanzien.
Welche Präparate wir nicht verordnen
Nicht alles, was in der Psychiatrie verordnet wird, lässt sich über einen Fragebogen abbilden. Betäubungsmittel und psychotrope Stoffe verordnen wir nicht. Darüber hinaus verordnen wir grundsätzlich keine Benzodiazepine, keine Z-Substanzen, keine Opioide, keine Stimulanzien wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin, kein medizinisches Cannabis und keine Gabapentinoide wie Pregabalin und Gabapentin. Diese Beschränkung ist keine Entscheidung im Einzelfall, sondern gilt unabhängig davon, wie gut die Therapie bisher gelaufen ist. Wer solche Arzneimittel benötigt, bleibt in Betreuung einer Ordination oder einer Fachärztin für Psychiatrie. Ebenfalls nicht über einen Fragebogen abbildbar ist der Beginn einer Behandlung bei akuter Selbstgefährdung, bei Psychose oder bei bipolarer Störung in einer instabilen Phase. Für diese Situationen ist die persönliche Untersuchung nicht ersetzbar.
Warum wir Antidepressiva derzeit nicht online beurteilen
Wir beurteilen Antidepressiva derzeit nicht online, auch nicht zur Fortführung einer bereits eingestellten Therapie. Auf dieser Seite gibt es deshalb nichts zu bestellen, und es fallen bei uns keine Kosten an. Der Grund liegt in der Art unserer Leistung: Sie füllen einen schriftlichen Fragebogen aus, den der Arzt getrennt beurteilt - ohne Gespräch per Video und ohne Telefontermin. Bei einem Arzneimittel, dessen Dosis an Stimmung, Schlaf und Verträglichkeit angepasst wird, gehört diese Anpassung in die Hände einer Ärztin oder eines Arztes, die Sie kennt und mit Ihnen sprechen kann. Wenn Ihre Packung zur Neige geht, wenden Sie sich rechtzeitig an Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt oder an die Praxis, die Sie behandelt, und setzen Sie das Arzneimittel nicht eigenmächtig ab: abruptes Absetzen kann Absetzsymptome auslösen.
Wer diese Seite verantwortet
Autor und medizinische Prüfung: lek. Damian Wojno, Approbation Nr. 3211301, für MEDINOW Sp. z o.o. Diese Seite ist eine allgemeine Information und ersetzt weder eine persönliche Untersuchung noch eine Psychotherapie noch die Krisenversorgung. Verbindlich sind die jeweils aktuellen Fachinformationen, die über das Arzneispezialitätenregister des BASG öffentlich abrufbar sind. In einer Krise erreichen Sie die Telefonseelsorge unter 142, für Kinder und Jugendliche Rat auf Draht unter 147, die Gesundheitsberatung unter 1450, die Rettung unter 144 und den Euronotruf unter 112. Wir nennen einzelne Präparate ausschließlich zur Einordnung und nicht als Empfehlung, weil Werbung für rezeptpflichtige Arzneimittel gegenüber Laien unzulässig ist. Eine bestimmte Apotheke nennen wir ebenfalls nicht: Ob eine Apotheke ein Rezept einlöst, entscheidet die Apothekerin oder der Apotheker eigenverantwortlich.
Wie lange dauert es bis zur Wirkung?
In der Regel zwei bis sechs Wochen, gelegentlich länger. Nebenwirkungen zeigen sich dagegen oft schon in den ersten Tagen, weshalb viele Behandlungen zu früh abgebrochen werden. Einzelne Teileffekte kommen rascher, etwa die schlaffördernde Wirkung von Mirtazapin. Beurteilt wird eine Behandlung sinnvollerweise erst nach mehreren Wochen in ausreichender Dosis; erst dann ist die Entscheidung über eine Anpassung oder einen Wechsel begründet.
Kann ich ein Rezept für Antidepressiva online bekommen?
Nicht über uns. Wir beurteilen Antidepressiva zurzeit nicht online, auch nicht zur Fortführung einer laufenden Behandlung, und es fallen bei uns dafür keine Kosten an. Wenden Sie sich für ein Folgerezept bitte rechtzeitig an Ihre Hausarztpraxis oder an die Praxis, die Sie behandelt. Benzodiazepine, Z-Substanzen, Stimulanzien, Opioide, medizinisches Cannabis und Gabapentinoide verordnen wir zudem grundsätzlich nicht. In einer akuten Krise erreichen Sie rund um die Uhr die Telefonseelsorge unter 142, in akuter Gefahr die Rettung unter 144.
Darf man sie abrupt absetzen?
Nein. Abruptes Absetzen führt häufig zu Absetzsymptomen wie Schwindel, grippeähnlichem Gefühl, Reizbarkeit, Schlafstörungen und Missempfindungen, besonders bei Wirkstoffen mit kurzer Halbwertszeit. Diese Beschwerden werden oft für einen Rückfall gehalten. Die Dosis wird am Ende einer Behandlung deshalb schrittweise über Wochen, nach langer Vorbehandlung auch über Monate reduziert, und zwar gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.
Machen sie abhängig?
Antidepressiva machen nicht abhängig: Sie erzeugen kein Verlangen nach Dosissteigerung und keinen Rausch, und sie zählen nicht zu den Suchtgiften. Absetzsymptome sind eine Anpassungsreaktion des Körpers, keine Sucht. Anders verhält es sich mit Benzodiazepinen und Z-Substanzen, die laut ihren Fachinformationen zu körperlicher und psychischer Abhängigkeit führen können, umso eher, je höher die Dosis und je länger die Behandlung; wir verordnen sie nicht.
Nimmt man davon zu?
Das hängt vom Wirkstoff ab. Unter Mirtazapin nehmen Appetit und Gewicht bei einem Teil der Behandelten deutlich zu. Unter SSRI ist der Effekt im Mittel gering und kann in beide Richtungen gehen, wobei manche Menschen über Monate leicht zunehmen. Häufig spielt auch die Erkrankung selbst hinein, weil Appetit und Bewegung sich mit der Besserung wieder ändern. Regelmäßiges Wiegen und ein offenes Gespräch über einen Wechsel sind der praktische Weg.
- Fachinformation Tresleen 50 mg (Sertralin), BASG, Abschnitt 4.4 (Suizidgedanken, Überwachung zu Beginn und nach Dosisanpassung)
- Öffentliches Gesundheitsportal Österreich: Depression, Diagnose und Therapie
- Fachinformation Somnal 7,5 mg (Zopiclon), BASG, Abschnitt 4.4 (Abhängigkeit und Toleranz bei Benzodiazepinen und benzodiazepinähnlichen Wirkstoffen)
- Telefonseelsorge Österreich, Notruf 142
- Richtlinie 2011/24/EU über die Ausübung der Patientenrechte in der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung, Artikel 11
- Arzneispezialitätenregister BASG/AGES: Rezeptpflicht und Einstufung nach Suchtgift- und Psychotropenverordnung